Wenige Tage
vor Ablauf der Anmeldefrist für neue Branchen-Mindestlöhne ist der Streit
darüber in der Koalition neu entflammt. SPD-Vize Andrea Nahles und DGB-Chef
Michael Sommer forderten die Union auf, ihren Widerstand gegen vereinbarte
Gesetzesänderungen aufzugeben. CSU-Chef Erwin Huber lehnte dies ab. Sympathie
für Mindestlöhne ließ auch der Erzbischof von München und Freising, Reinhard
Marx, erkennen. Bis zum 31. März können Branchen, die einen verbindlichen
Mindestlohn anstreben, sich melden. Da das Bundesarbeitsministerium sich vor
Fristablauf dazu nicht äußern will, ist bislang unklar, wie viele Branchen
einen Antrag stellen werden. Ihr Interesse bekundet haben bereits die
Zeitarbeit, die Forstdienste und die Weiterbildungsbranche. «Das strategische
Geschiebe beim Mindestlohn muss ein Ende haben. Die Menschen mit extrem
niedrigen Einkommen wollen und brauchen sofort eine Lösung, damit sie von ihrer
Arbeit leben können», sagte Nahles der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin.
Eine faire und angemessene Bezahlung sei ein Gebot der Menschenwürde und der
wirtschaftlichen Vernunft. Bundesregierung und Koalitionsspitzen hatten eine
Novellierung von Entsendegesetz und Mindestarbeitsbedingungen-Gesetz
vereinbart. Beide sind zur Einführung weiterer Branchenmindestlöhne nötig. Die
Entwürfe liegen aber wegen Einwänden von Unionsseite auf Eis. «Wir brauchen
schnellstmöglich eine Einigung beim Arbeitnehmer- Entsendegesetz, damit die
Tarifvertragsparteien eine Rechtsgrundlage für die Verhandlungen haben. Wer das
Gesetz verzögert, behindert die Meldungen der Branchen», sagte Nahles. CSU-Chef
Huber sagte der «Welt am Sonntag», nach seinen Informationen wollten lediglich
das Sicherheitsgewerbe und die Entsorgungsbranche einen Mindestlohn. «Das
zeigt, dass wir keinen gesetzlich verordneten Mindestlohn brauchen.» Dies gelte
speziell für die Zeitarbeit: Dort seien 100 Prozent der Arbeitnehmer von -
jedoch unterschiedlich hohen - Tarifverträgen erfasst. Die Gewerkschaften
pochen auf existenzsichernde Lohnuntergrenzen und wollen den Druck auf die
Politik dafür verstärken: «Es ist schon schlimm genug, dass die Union den
gesetzlichen Mindestlohn blockiert», sagte DGB-Chef Sommer der dpa. «Sollte sie
«auch noch branchenbezogene Mindestlöhne unmöglich machen», werde der DGB sich
das «nicht bieten» lassen». Der DGB fordert eine gesetzlich verankerte
Lohnuntergrenze von 7,50 Euro in der Stunde. Der neue Erzbischof von München
und Freising, Reinhard Marx, sagte der «Bild am Sonntag»: «Wir haben früher
nicht über Mindestlöhne gesprochen, weil wir starke Tarifvereinbarungen
hatten.» Dies gelte aber zunehmend nicht mehr. «Es zehrt an der Substanz der
sozialen Marktwirtschaft, wenn der Staat die Löhne festlegt. Vielleicht geht es
derzeit aber nicht anders. Wir müssen Löhne haben, von denen die Menschen
anständig leben können.»
(DPA)

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